Glukosetransporter (GLUTs)

Glukosetransporter, kurz GLUTs, sind Proteine, die sich beim Menschen in der Plasmamembran aller Zelltypen befinden und Glukose (oder strukturähnliche Kohlenhydrate) aus dem Blutkreislauf über die Membranbarriere transportieren. Für die Aufnahme von Nahrungsglukose durch das Dünndarmepithel ist hingegen eine separate Familie von natriumgekoppelten Glukosetransportern (SGLTs) verantwortlich.

Genetik

GLUTs werden von Genen der Familie SLC2 (Solute Carrier Familie 2) exprimiert. Die ersten Glukosetransporter wurden ab etwa 1985 erkannt und dokumentiert1)2)3) - GLUTs sind also eine relativ junge Entdeckung. Inzwischen werden der Genfamilie SLC2 14 strukturhomologe Gene zugesprochen.4)5)

Aufgrund auffälliger Wiederholungen struktureller Motive kann auf ein einziges hypothetisches Vorläuferprotein geschlossen werden, aus dem sich evolutionär alle Hexosetransporter durch Duplikation entwickelt haben könnten.6)

Isoformen der Glukosetransporter im menschlichen Genom

Die 14 GLUTs unterscheiden sich untereinander in ihren gewebespezifischen Expressionsprofilen, in ihrer Substratspezifität und in ihren kinetischen Eigenschaften. Sie sind durch präzise Abstimmung dieser Parameter an die Bedürfnisse der Gewebe angepasst, in denen sie exprimiert werden.

Die folgende Auflistung gibt einen Überblick der Gewebeverteilung und Funktion aller 14 SLC2-Mitglieder. Sie basiert auf dem gegenwärtigen Standard für eine einheitlichte Nomenklatur der Glukosetransporter7)8) und wurde nach diversen Datenbanken kompiliert.9)10)11)

Protein Gewebeverteilung Gen Funktion
GLUT-1 viele fetale und adulte Gewebe, Erythrozyten, Endothelzellen SLC2A1 basale Glukoseversorgung vieler Gewebe, Blut-Hirn-Schranke, breites Substratspektrum (Glukose, Galaktose, Mannose, Glukosamin)
GLUT-2 Leberzellen, β-Zellen der Langerhans-Insel des Pankreas, Epithelzellen der Nieren und des Intestinaltrakts SLC2A2 bidirektionaler Glukosetransfer in der Leber, Glukoseaufnahme des Pankreas, Teil des Mechanismus zur Blutzuckerregulation, transepithelialer Glukosetransport im Intestinaltrakt und in der Niere (gemeinsam mit den SGLTs), breites Substratspektrum
GLUT-3 viele Gewebe, besonders zentrales Nervensystem SLC2A3 basale Glukoseversorgung der Nervenzellen, Glukoseaufnahme aus der cerebrospinalen Flüssigkeit, spielt möglicherweise eine Rolle in der Regeneration adulter Muskelzellen
GLUT-4 Skelettmuskulatur, Herzmuskel, Fettgewebe SLC2A4 insulinabhängiger Glukoseumsatz des Organismus, auch glukosaminspezifisch
GLUT-5 Intestinaltrakt, Spermatozoen, Hoden, Nieren SLC2A5 funktioniert vorrangig als Fruktosetransporter
GLUT-6 Gehirn, Milz, Leukozyten SLC2A6 ungewiss, möglicherweise keine Transportfunktion
GLUT-7 Lebermikrosomen SLC2A7 Transport der aus der Glukoneogenese entstandenen Glukose aus den Leberzellen ins Blut
GLUT-8 Hoden, Gehirn SLC2A8 insulinreguliert, breites Substratspektrum, Down-Regulation durch Östrogene
GLUT-9 Leber und Nieren SLC2A9 ungewiss, Glukose- und Fruktosetransport
GLUT-10 weit verbreitet, hohe Werte in Leber und Pankreas SLC2A10 Glukose- und Galaktosetransport
GLUT-11 Herz- und Skelettmuskulatur SLC2A11 Glukose- und Fruktosetransport
GLUT-12 Skelettmuskulatur, Fettgewebe, Intestinaltrakt SLC2A12 ungewiss, potentiell Teil eines zweiten insulinabhängigen Glukosetransportsystems
HMIT-1 Gehirn SLC2A13 H+/Myo-Inositol-Kotransporter
GLUT-14 Hoden SLC2A14 paralog zu GLUT-3
Hinweis: Die SLC2-Gene wurden im Rahmen diverser Genomprojekte von vielen unabhängigen Forschergruppen gleichzeitig gefunden und unkoordiniert benannt. Daraus entstand zunächst eine uneinheitliche Nomenklatur. Diese Tabelle hält sich an die aktuell gebräuchliche Norm und stimmt deshalb nicht immer mit veralteter Primärliteratur überein. Vorsicht beim studieren der Literatur!

Besonderheiten

  • HMIT-1: SLC2A13 exprimiert kein GLUT im engeren Sinne, sondern entspricht HMIT-1, einem H+/Myo-Inositol-Kotransporter, also einem Transporter für zwei Substanzen: Protonen (H+) und Myo-Inositol.12) Die Zuordnung zur Familie SLC2 erfolgt hierbei nach struktureller Homologie. Myo-Inositol ist ein sechswertiger Alkohol mit glukoseähnlichem Aufbau (Strukturformel C6H12O6), es verwundert daher nicht, dass sich zwischen 13 Hexosetransportern auch ein Inositoltransporter findet.

  • GLUT-14: Das Gen SLC2A14 (entspricht GLUT-14) ist eine nahezu exakte Kopie von SLC2A3 (GLUT-3). Es handelt sich um ein sogenanntes Duplikon (Genduplikation), welches sich im Laufe der Evolution ins menschliche Genom eingeschlichen hat.13)14) Die Translationsprodukte GLUT-3 und GLUT-14 sind allerdings nicht identisch, da unterschiedliche Spleißisoformen exprimiert werden.

  • Pseudogene: Es sind außerdem fünf verschiedene Pseudogene in der Familie SLC2 bekannt. Pseudogene sind DNA-Abschnitte, die im Laufe der Evolution durch Mutationen beschädigt wurden, aber weiterhin als funktionslose Rudimente vererbt werden. GLUT-6 wurde mitunter als Pseudogen angesehen, da ihm keine Transportfunktion nachgewiesen werden konnte. SLC2A6/GLUT-6 wird allerdings tatsächlich exprimiert und verdient daher sein eigenes Proteinsymbol.

GLUT-Isoformen im Muskelgewebe

Die Fachliteratur erwähnt häufig, dass GLUT-4 der hauptsächliche Glukosetransporter in Myozyten sei. GLUT-4 ist hingegen nicht der einzig relevante GLUT in diesem Gewebetypus. Besonders erwähnenswert sind folgende Transporter:

  • GLUT-3 ist derjenige Glukosetransporter, der innerhalb der physiologischen Blutzuckerkonzentration mit der höchsten relativen Geschwindigkeit arbeitet. GLUT-3 ist aufgrund dieser Eigenschaft auch bei niedrigen Blutzuckerspiegeln ein effektiver Glukoselieferant und wird deswegen vorrangig in allen Gewebetypen exprimiert, die auf eine durchgehend stabile Glukoseversorgung angewiesen sind. Im adulten Individuum kommt er speziell im Nervensystem vor, jedoch auch in regenerierenden Muskelzellen. GLUT-3 versorgt (durch Training) traumatisiertes Muskelgewebe insulinunabhängig mit Glukose.15)16)

  • GLUT-4 ist der bedeutendste Glukosetransporter in Muskel- und Fettgewebe. Durch seine hohe Affinität ist dieser Transporter für einen Großteil der Glukoseaufnahme in diese Gewebetypen verantwortlich. GLUT-4 wird dabei je nach Status des Blutzuckerangebots und des Glukosebedarfs seiner Zellen reguliert, vor allem durch Insulin und andere Hormone. Für eine detaillierte Darstellung der Regulationsmechanismen, siehe Insulin. GLUT-4 ist im Gegensatz zu GLUT-3 für die postprandiale Glukoseaufnahme als Teil der Blutzuckerregulationsmechanismen zuständig, sowie für die insulinunabhängige Glukoseaufnahme nach mechanischer Belastung.

  • GLUT-8, in der Fachliteratur manchmal auch GLUT-X1 genannt (veraltete Bezeichnung): GLUT-8 besitzt ebenso wie GLUT-4 ein Dileucin-Motiv. Dieser Teil der Aminosäurenfrequenz erlaubt die Translokation des GLUT-4 als Reaktion auf diverse Stimuli. Es wird deswegen spekuliert, dass GLUT-8 ebenfalls ein (hormonell) regulierter Glukosetransporter sein könnte.17) GLUT-8 wird hauptsächlich in den Leydig-Zellen der Hoden und in Neuronen des Gehirns exprimiert, kommt aber auch in Muskelgewebe vor.

  • GLUT-12 kommt nach GLUT-4 und GLUT-5 als häufigster Glukosetransporter in Muskelgewebe vor. Seine Struktur weist außerdem ein Dileucin-Motiv auf, was ihn zu einer (hormonellen) Regulierbarkeit befähigt.18)

Struktur

GLUTs besitzen zwölf charakteristische Transmembransegmente, die mehrere Schleifen durch die Membran ziehen. Einige Segmente sind fest in der Membran verankert, andere sind beweglich.

Alle GLUTs besitzen eine Bindungsstelle für Glukose, die sich an einer beweglichen Schleifen befindet. Beim Transport findet vermutlich eine Konformationsänderung des Proteins durch die Membran hindurch statt, wonach die Glukose auf der anderen Seiten freigesetzt wird.

Obwohl die Primärstruktur (die Aminosäurensequenz) aller GLUTs bekannt ist, sind die möglichen Faltungen nicht restlos geklärt. Damit ist zum jetzigen Zeitpunkt noch unbekannt, in welchen räumlichen Konfigurationen die GLUTs vorliegen und welche Konformationsänderungen ablaufen können.

Funktionsweise: Erleichterte Diffusion

Bei allen GLUTs handelt es sich um Transportproteine, die ihr Substrat passiv umsetzen. Sie verbrauchen für die Überwindung der Membran keine Energie in Form von ATP (der primäre Energieträger im Organismus). Man spricht dabei von erleichterter Diffusion oder passiver, Carrier-vermittelter Diffusion.

GLUTs besitzen, ähnlich wie Enzyme, eine (mehr oder weniger) spezifische Bindungsstelle für ihr Substrat. Sobald das zu transportierende Molekül an diese Domäne bindet, kann es durch die Membran geschleust werden. Es bewegt sich dabei eigentständig entlang seines Konzentrationsgradienten. Diesen nutzt es als Triebkraft, um ohne aktive Beteiligung des GLUTs ins Innere der Zelle zu gelangen. Siehe hierzu auch: Transmembrantransport.

GLUTs ermöglichen die Diffusion von Glukose durch die Membranbarriere

Erleichterte Diffusion durch die Membranbarriere

Im Falle des Glukosetransports handelt es sich um ein System mit zwei abgetrennten Kompartimenten:

  • der extrazelluläre Raum, in welchem die Glukosekonzentration periodisch durch Nahrungsaufnahme oder andere Einflüsse steigt
  • der intrazelluläre Raum

Glukose diffundiert durch die Glukosetransporter in den Intrazellulärraum, theoretisch bis sich ein Gleichgewicht der Glukosekonzentrationen auf beiden Seiten der Plasmamembran einstellt.

In den meisten Zellen wird Glukose allerdings schnell vom Enzym Hexokinase zu Glukose-6-Phosphat (Glu-6-P oder G-6-P) verarbeitet, wodurch die Konzentration freier Glukose im Intrazellulärraum immer nahe bei Null liegt.

Da GLUTs außerdem keine Affinität für Glu-6-P aufweisen, kann einmal aufgenommene Glukose nicht wieder aus der Zelle entkommen. Die Hexokinase hält dadurch den Konzentrationsgradienten aufrecht. Es kommt im Regelfall niemals zur Bildung eines Konzentrationsgleichgewichts, sondern es findet ein permanenter Influx von Glukose statt.

Sättigungskinetik

GLUTs verhalten sich prinzipiell wie Michaelis-Menten-Enzyme und weisen enzymkinetische Eigenschaften auf. Sie haben dementsprechend eine berechenbare Sättigungskinetik.

Halbsättigungswerte ausgewählter GLUTs

Hier sind nochmal die wichtigsten GLUTs, ihre ungefähren Km-Werte (in mg/dl) sowie die Besonderheit ihrer Funktion, so wie man diese aus dem Km-Wert herleiten kann.

Hinweis: Die basale Glukosekonzentration im Blut (der Blutzuckerspiegel) beträgt 70-100mg/dl, postprandial bis zu 160mg/dl.
Protein Gewebeverteilung Km-Wert Funktion
GLUT-1 ubiquitär 110mg/dl basale Glukoseversorgung vieler Gewebe; der Km-Wert von ca. 110mg/dl bedeutet, dass GLUT-1 seine Transportgeschwindigkeit bei steigendem Glukoseangebot anpasst und auch bei supraphysiologischem Glukoseangebot noch offene Kapazität aufweist.
GLUT-2 Leberzellen, β-Zellen des Pankreas 200mg/dl der sehr hohe Km-Wert bewirkt eine sensible Anpassung der Transportgeschwindigkeit an den Blutzuckerspiegel, sowohl bei sub- als auch bei supraphysiologischem Glukoseangebot; GLUT-2 funktioniert als empfindlicher Glukosesensor in Leber und Pankreas und ermöglicht eine präzise Regulation des Blutzuckers
GLUT-3 besonders zentrales Nervensystem 30mg/dl Glukoseversorgung von Neuronen; der niedrige Km-Wert stellt auch bei niedrigen Blutzuckerspiegeln sicher, dass GLUT-3 mit sehr hoher Geschwindigkeit arbeitet. Dadurch wird die Glukoseversorgung des Nervensystems auch in Situationen allgemeinen Energiemangels aufrecht erhalten
GLUT-4 Muskulatur, Fettgewebe 80mg/dl insulinabhängiger Glukoseumsatz des Organismus; GLUT-4 hat eine hohe Affinität für Glukose und stellt bei Aktivierung eine effiziente und schnelle Glukoseversorgung des Muskel- und Fettgewebes sicher.
Sättigungskurven
Sättigungskurven der GLUTs 1-4

GLUT-3 (Km=30mg/dl), der hauptsächliche Glukosetransporter des Nervensystems, arbeitet im physiologischen Bereich bei vergleichsweise hoher relativer Geschwindigkeit (70-85%). Selbst bei niedrigen Blutzuckerspiegeln wird dadadurch die Versorgung von Nervenzellen gesichert. Das Nervensystem ist hingegen nicht in größerem Umfang befähigt, bei supraphysiologischem Glukoseangebot zur Senkung des Blutzuckers beizutragen.

GLUT-2 arbeitet im physiologischen Bereich mit nur 25-30% Auslastung und erreicht erst bei theoretischen 1500mg/dl eine Transportgeschwindigkeit von 85%. Dadurch sind Leber und Pankreas in der Lage, auch auf extrem hohe Hyperglykämien zu reagieren und ihre Arbeit entsprechend zu beschleunigen.
Hinweis: Diese Graphen wurden anhand der Sättigungsfunktion f(x) = {v_{max}x}/{K_{m}+x} berechnet.

Siehe auch

1) Mueckler M, Caruso C, Baldwin SA, Panico M, Blench I, Morris HR, Allard WJ, Lienhard GE, Lodish HF. Sequence and structure of a human glucose transporter. Science, 1985 Sep 6;229(4717):941-5 
2) Kayano T, Fukumoto H, Eddy RL, Fan YS, Byers MG, Shows TB, Bell GI. Evidence for a family of human glucose transporter-like proteins. Sequence and gene localization of a protein expressed in fetal skeletal muscle and other tissues. J Biol Chem, 1988 Oct 25;263(30):15245-8  Volltext
4) Uldry M, Thorens B. The SLC2 family of facilitated hexose and polyol transporters. Pflugers Arch, 2004 Feb;447(5):480-9 
5) Scheepers A, Joost HG, Schürmann A. The glucose transporter families SGLT and GLUT: molecular basis of normal and aberrant function. JPEN J Parenter Enteral Nutr, 2004 Sep-Oct;28(5):364-71 
7) Joost HG, Bell GI, Best JD, Birnbaum MJ, Charron MJ, Chen YT, Doege H, James DE, Lodish HF, Moley KH, Moley JF, Mueckler M, Rogers S, Schürmann A, Seino S, Thorens B. Nomenclature of the GLUT/SLC2A family of sugar/polyol transport facilitators. Am J Physiol Endocrinol Metab, 2002 Apr;282(4):E974-6  Volltext
12) Uldry M, Ibberson M, Horisberger JD, Chatton JY, Riederer BM, Thorens B. Identification of a mammalian H(+)-myo-inositol symporter expressed predominantly in the brain. EMBO J, 2001 Aug 15;20(16):4467-77  Volltext
13) Genecards. Solute Carrier Family 2 (facilitated glucose transporter), member 14 SLC2A14/GLUT-14.
15) Gaster M, Beck-Nielsen H, Schrøder HD. Regenerating human muscle fibres express GLUT3 protein. Pflugers Arch, 2002 Oct;445(1):105-14 
16) Stuart CA, Wen G, Williamson ME, Jiang J, Gilkison CR, Blackwell SJ, Nagamani M, Ferrando AA. Altered GLUT1 and GLUT3 gene expression and subcellular redistribution of GLUT4: protein in muscle from patients with acanthosis nigricans and severe insulin resistance. Metabolism, 2001 Jul;50(7):771-7 
18) Rogers S, Macheda ML, Docherty SE, Carty MD, Henderson MA, Soeller WC, Gibbs EM, James DE, Best JD. Identification of a novel glucose transporter-like protein-GLUT-12. Am J Physiol Endocrinol Metab, 2002 Mar;282(3):E733-8  Volltext
 
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